Ein kritischer Kommentar “Lowcarb macht aggressiv”

Vergangene Woche bin ich über ein Spiegel-Interview (Diätformen: „Low-Carb macht aggressiv“) gestolpert, welches im Fazit die Low-Carb Ernährung kritisiert. Ganz zufällig bin ich zusätzlich über einen Artikel aus dem Jahre 2012 (Diäten: Low-Carb erhöht Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten) gestolpert. Ich muss zugeben ich musste mich danach erst mal sammeln, damit ich diesen Artikel möglichst objektiv halte und meine ‚Empörung‘ im Rahmen halte.

Zunächst mein persönlicher Eindruck: Jegliche Artikel die der ‚Allgemeinheit‘ über Ernährung via Portale wie Spiegel Online oder anderen von einer sehr breiten Masse der Gesamtgesellschaft hoch frequentierten Plattformen zur Verfügung gestellt werden sind zu wenig differenziert betrachtet und klären demnach nur einseitig oder gar nicht auf.

Der zweite verlinkte Artikel schreibt im Untertitel: „[…] Eine kohlenhydratarme und eiweißreiche Ernährung kann das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich steigern.

Ich möchte dabei den Fokus auf den von mir hervorgehobenen Aspekt „eiweißreiche Ernährung“ legen. Meiner persönlichen Meinung nach ist es nach wie vor ein Trugschluss, dass eine Low-Carb Ernährung mit einer eiweißreichen Ernährung gleichzusetzen ist, geschweige denn das diese erzwungen wird. Sicherlich wird oft der Bezug zu Atkins hergestellt, wonach die Kohlenhydrate auf ein Minimum reduziert werden jedoch nicht nur zu Gunsten des Proteins. Der wesentliche Energielieferant in einer Low-Carb Ernährung ist nicht das Protein. Es ist das Fett.

In der Studie auf die sich der zweite Artikel bezieht wurde festgestellt: „Fünf Gramm mehr Protein steigern das Herz-Kreislauf-Risiko um fünf Prozent“. Im Folgenden wird in dem Artikel der Vergleicht von einer Banane mit einer Hand voll Erdnüsse gezogen: „Eine Banane enthält beispielsweise bereits mehr als 20 Gramm Kohlenhydrate, in einer Handvoll Erdnüsse (25 Gramm) stecken über fünf Gramm Protein.“

Also ich find diesen Vergleich schon echt zweifelhaft. Betrachtet man die Nährwerte (30% Protein, 50% Fett, <10% Kohlenhydrate) von Erdnüssen so gehören Erdnüsse meiner Meinung nach nun wirklich nicht zu den Proteinlieferanten sondern eher zu den Fettlieferanten. Diesen Vergleich ohne weitere differenziertere Betrachtung stehen zu lassen und lediglich darauf zu verweisen, dass es laut Studie keinen Unterschied macht ob das mehr Protein aus pflanzlichen oder tierischen Quellen stammt zeugt für mich nicht gerade von einem qualifizierten aufklärenden Charakter des Artikels.

Daraufhin habe ich die Studie, auf welche sich der Artikel bezieht, überflogen. Tabelle 2 unter Results gibt einen Überblick über die durchschnittlich zugeführte Nährstoffverteilung der Studienteilnehmer. Umgerechnet haben die Frauen 16% Eiweiß (62g), 51% Kohlenhydrate (196g) und 32% Fett (54g) bei einer durchschnittlichen Energiegesamtzufuhr von ca. 1600kcal. Zwar wird von einer Standardabweichung von 60g Kh, 19g Protein und ca. 20g F berichtet. Die relative Zufuhr bleibt im Verhältnis dennoch die gleiche. Nach meinem Verständnis der Begriffe Low-Carb und High-Protein ist das alles andere als eine Low-Carb und High-Protein Ernährung. Betrachtet man schon allein die Durchschnittsmenge verrechnet mit der Abweichung liegt die Eiweißzufuhr bei 80g/Tag. Jetzt müsste man hergehen und das durchschnittliche Gewicht der Teilnehmerinnen bestimmen um daraufhin einen Schluss auf die pro Kilogramm Körpergewicht zugeführte Eiweißmenge ziehen zu können – zumindest hätte man es dann ziemlich genau. Doch grob überschlagen: 80g/Tag und eine Zufuhr von 2g/Kg Körpergewicht würde bedeuten, dass die Frau höchsten 40kg hätte wiegen dürfen. Also wie viele Frauen kennt ihr die maximal 40kg wiegen? Ich kenne einige Frauen, auch Frauen die nicht gerade die größten sind (sowas zwischen 1.60 und 1.70) und nun wirklich nicht dick sind, nicht mal ansatzweise. Kaum eine von denen wiegt weit unter 50kg. Bei 55kg würde die Proteinzufuhr je Tag unter 1,5g/kg Körpergewicht liegen. Wie viele Frauen kennt ihr die maximal 55kg wiegen? Je höher das Gewicht, desto kleiner wird die Proteinzufuhr je Kilogramm Körpergewicht. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was im Sportbereich teilweise an Proteinen zugeführt wird, dann ist man mit 1,5g/kg Körpergewicht nun wirklich nicht im Bereich High-Protein.

Sicherlich bedarf es einer genaueren Betrachtung der Studie, vor allem auch der erhobenen Daten. Für den momentanen Zeitpunkt ist die Studie für mich jedoch nicht besonders aussagekräftig in Bezug auf Low-Carb, High-Protein und ein Zusammenhang mit dem Risiko von Herzkreislaufkrankheiten.

Im weiteren Verlauf des Artikels auf Spiegel Online steht „Low-Carb bedeutet häufig weniger Obst, Gemüse und Vollkornprodukte“. Also beim besten Willen… Eine Low-Carb Ernährung ist weitaus differenzierter zu betrachten als „weniger Obst, Gemüse und Vollkornprodukte“. Beschäftigt man sich mit Ernährungsberatern, welche für das Low-Carb Verständnis eintreten so ist es zutreffend, dass Vollkornprodukte bzw. allgemein Lebensmittel mit einer hohen Kohlenhydratdichte (Pauschal mehr als 40g/100g Rohmenge), vor allem raffinierte Lebensmittel als erstes vom Speiseplan verschwinden. Dies geschieht aber nicht allein zu Gunsten des Proteins viel wesentlich ist die ergänzende Zufuhr von Fett.

Es scheint als sei bei diesen Low-Carb-Kritikern noch nicht angekommen das es neben Eiweiß und Kohlenhydraten noch einen weiteren Makronährstoff gibt: Das Fett! Sogar die verwendete Studie zeigt auf, dass High-Fat Diäten in der westlichen Welt nach wie vor gemieden werden: „as high fat diets are generally avoided in most Western societies.“

Bei all der Kritik muss man dem Artikel zugutehalten, dass darauf verwiesen wird, dass raffinierter Zucker vermieden werden sollte und die Öffentlichkeit eine Differenzierung bei den Kohlenhydraten vornehmen muss. Doch zu meinem persönlichen bedauern wird dies zu wenig in den Fokus des Artikels gesetzt. Das Fazit, welches die Masse der Leser mit Sicherheit aus diesem Artikel raus gezogen haben: Low-Carb ist schlecht weil Herz-Kreislauf-Krankheiten gefördert werden, zumindest der Basis nach die dieser Artikel nutzt, ist schlichtweg nicht haltbar!

Dabei war der eigentliche Anlass das Interview mit Markus de Marées. Okay worüber berichtet er: Eine Stoffwechselveränderung in zunehmendem Alter begründet durch einen veränderten Hormonhaushalt. Eine Kritik an den üblichen Körperfettmesswagen und das Vorurteil, dass Low-Carb Diäten aggressiv machen sowie die Gefahr des Jojo-Effekts.

Jede Gewichtsreduzierung, egal nach welchem Konzept BIRGT die Gefahr eines Jojo-Effekts. Das ist auch logisch. Bereits in anderen Artikeln wurde dies diskutiert. Ein Energiedefizit zwingt den Körper seine Speicher aufzubrauchen. Diese sind für Zeiten des Nahrungsmittelentzugs gedacht. Je länger und je extremer diese Zeit desto eher möchte der Körper für eine weitere solche Phase gewappnet sein und das treibt die Gefahr des Jojo-Effekts in die Höhe. Es spielt dabei also zunächst keine Rolle welches Ernährungskonzept verfolgt wird sondern das Verhalten währenddessen und danach ist entscheidend.

Auch der Punkto Aggressivität wird in meinen Augen viel zu kurz betrachtet, zumindest die Beweggründe. In der Sport-Szene ist es bekannt: Die vermeintliche Aggressivität hängt mit vielen Parametern zusammen. Dazu können die Umstellung des Stoffwechsels gehören oder eine Minderzufuhr an Mineralstoffen (bspw. Salz) weil durch die extreme Umstellung von verarbeiteten Produkten auf ‚Naturprodukte‘ die Salzzufuhr drastisch reduziert wird. Produkte welche unverarbeitet sind und dann noch die starke Reduzierung an Kohlenhydraten haben außerdem einen Einfluss auf den Körpereigenen Wasserhaushalt (auch der Salzhaushalt spielt dabei eine Rolle).

Die ganzen potentiellen Zusammenhänge zu erläutern würden diesen Artikel sprengen. Es lässt sich jedoch festhalten, dass die durch dieses Interview verbreitete Pauschalaussage „Low-Carb macht aggressiv“ unhaltbar ist und wieder nur eine einseitige Berichterstattung der Plattform darstellt zum Ärgernis eines jeden Ernährungsberaters der Unmenge Arbeit investieren muss um diese ‚Halbwahrheit‘ und ‚Gerüchte‘ Ratsuchenden aus dem Weg zu schaffen bzw. aufzuklären.

Was lässt sich zum dem heutigen Thema zusammenfassend sagen?

  • Low-Carb erzwingt keine extrem erhöhte Zufuhr von Protein.
  • Fett muss als wesentlicher Energielieferant mit berücksichtig werden!
  • Die Zusammenhänge einer Low-Carb-High-Protein Ernährungsweise und ein erhöhtes Risiko von Herzkrankheiten durch die von Spiegel Online dargestellte Studie sind wenigstens zweifelhaft. Schon allein die fehlende Definition von Low-Carb und High-Protein macht mich persönlich skeptisch. Auch ist das durchschnittliche Essverhalten nicht unbedingt als Low-Carb-High-Protein zu verstehen.
  • Low-Carb ist mehr als nur eine reduzierte Zufuhr von Obst, Gemüse und Vollkornprodukte
  • Low-Carb und Aggressivität können im Zusammenhang stehen doch spielen mehr Gründe als nur die reduzierte Kohlenhydratzufuhr eine Rolle. Diese Gründe können als Ursachen verstanden werden und ein entsprechendes Verhalten (das Beste in solchen Fällen: Das Gespräch mit einem erfahrenen und kompetenten Ernährungsberater führen) kann zu Besserung führen trotz weiterer Low-Carb Ernährung.

Direkt-Link zur von Spiegel Online verwendeten Studie: Low carbohydrate-high protein diet and incidence of cardiovascular diseases in Swedish women: prospective cohort study

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